12.02.2020

„Menschen mit Behinderung werden oft unterschätzt!“

Interview mit LIFEtool Graz Praktikantin Sabine Herrich
Gruppenbild: LIFEtool Graz Beraterin Carina Bloder, Praktikantin Sabine Herrich und LIFEtool Graz Beraterin Barbara Leitner

Sabine Herrich war ein Jahr lang Praktikantin in der Beratungsstelle LIFEtool Graz. Sie ist Teilnehmerin des ersten akademischen Lehrgangs für Peerberatung an der FH Joanneum in Graz. Die Lebens- und Sozialberaterin leitet seit 17 Jahren eine Selbsthilfeorganisation für Frauen mit Schwangerschaftskomplikationen. Außerdem ist Sabine Herrich Jugend- und Erziehungsberaterin und selbst zweifache Mutter.
Wir haben Sabine an ihrem letzten Praktikumstag zu einem Gespräch über ihre Erfahrungen bei LIFEtool gebeten.


Wie war dein Einstieg in das Praktikum?
Ich bin herzlich aufgenommen worden. Carina und Barbara sind ein tolles Team und LIFEtool macht eine interessante Arbeit.

Was war dein Schwerpunkt im Praktikum?
Unterstützte Kommunikation in allen Facetten. UK war mir vor meinem Praktikum zwar schon ein Begriff, aber die Details und die Möglichkeiten von UK habe ich dann bei LIFEtool kennengelernt. Zum Bespiel konnte ich den Einsatz von iPads oder der Augensteuerung live sehen.

Was hat dich im Praktikum bewegt?
Ich war erstaunt, wie wenig Unterstützte Kommunikation in der Praxis noch implementiert ist. Leider sind in vielen Einrichtungen die Möglichkeiten der Unterstützten Kommunikation noch nicht so  bekannt. Es fehlt an Ausstattung und Wissen. Was mich auch bewegt hat: Wenn Hilfsmittel nicht eingesetzt werden. Wenn jemand von der Augensteuerung abhängig ist und das Gerät dann ausgeschaltet im Eck steht. Da braucht es eine gute Beratung, wie es LIFEtool Graz macht. Und dabei ist Kommunikation doch ein Menschenrecht! Menschen brauchen Möglichkeiten, ihren Willen auszudrücken.

Was schlägst du vor?
Der Einsatz von UK ist natürlich zunächst mit Aufwand und Ressourcen verbunden. Aber es zahlt sich aus, vor allem die Prozessbegleitung über einen längeren Zeitraum in Anspruch zu nehmen. Genau das macht LIFEtool Graz. Mich hat immer wieder überrascht, mit welch großer Begeisterung unsere Kundinnen und Kunden die verschiedenen Hilfsmittel ausprobiert haben und Erfolge erleben können.

Hast du ein Beispiel?
Mit fällt ein junger Mann mit einer intellektuellen Einschränkung ein. Im Laufe der Prozessbegleitung hat sich dann herausgestellt, dass er sogar lesen kann. Das hat alle erstaunt!

Dein Resümee?
Dass die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung leider oft stark unterschätzt werden. Sie können mehr, als man ihnen zutraut.

Was hast du in der Zukunft vor?
Ich mache gerade die Ausbildung zur Elternbildnerin. Mich interessiert die Beratung von Eltern mit Kindern mit Behinderung, vor allem mit Autismus. Ich habe selbst eine autistische Wahrnehmung und habe für manche Dinge daher einen anderen Blick.

Wirst du mit LIFEtool Graz Kontakt halten?
Auf jeden Fall! Ich schreibe noch meine Abschlussarbeit über Unterstützte Kommunikation, da ist LIFEtool auch eine Anlaufstelle für Literatur für mich.

Vielen Dank für das Gespräch und dein Engagement bei LIFEtool!

Das Gespräch führte Mag.a Dr.in Saskia Dyk, Diakoniewerk Steiermark